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European Health Data Space für Medizintechnik

Der European Health Data Space macht Interoperabilität zur Pflicht. Was Medizintechnikhersteller jetzt tun sollten und welche Profile gefragt sind

Bildquelle: Adobe

Der European Health Data Space (EHDS), der durch die Verordnung (EU) 2025/327 zur Standardisierung und kontrollierten Nutzung elektronischer Gesundheitsdaten geregelt ist, stellt Medizintechnikhersteller vor konkrete regulatorische Pflichten. Der bisherige Markt ist geprägt von proprietären Datenmodellen, also herstellerspezifischen Architekturen, die nicht auf offenen Standards basieren, sowie von isolierten Datensystemen und individuellen Schnittstellen. Das hat Kosten und Abhängigkeiten erzeugt.

Der EHDS erhöht den Druck zur Standardisierung spürbar. Wer Interoperabilität, also die Fähigkeit verschiedener Systeme, Daten verlässlich auszutauschen und zu verarbeiten, frühzeitig zur Kernstrategie macht, reduziert regulatorische Risiken und stärkt seine Marktposition. Gleichzeitig verändert die Verordnung den Personalbedarf: Gefragt sind Fachkräfte, die Technik, Regulatorik und klinische Prozesse zusammendenken können.

Was der EHDS regelt und wen er betrifft

Der EHDS verfolgt drei Ziele: Erstens sollen Bürger ihre Gesundheitsdaten grenzüberschreitend nutzen können. Zweitens sollen Daten sicher für Forschung und Gesundheitspolitik wiederverwendet werden können. Drittens soll ein einheitlicherer Binnenmarkt für EHR-Systeme (Electronic Health Records, also Systeme zur Verwaltung elektronischer Gesundheitsakten) entstehen.

In der Verordnung wird zwischen Primärnutzung, also der Datenverarbeitung im direkten Versorgungskontext wie Diagnose, Behandlung oder Verschreibung, und Sekundärnutzung, also der Datenverwendung außerhalb des ursprünglichen Zwecks, beispielsweise für Forschung, Versorgungsanalysen oder Regulierung, unterschieden.

Nicht jedes Medizinprodukt ist automatisch betroffen. Besonders relevant sind Hersteller, deren Produkte Interoperabilität mit EHR-Systemen beanspruchen oder mit harmonisierten EHR-Funktionen interagieren. Die Verordnung trat am 26. März 2025 in Kraft. Die schrittweise Anwendung folgt wie folgt: Ab 2029 gelten die Anforderungen für Patientenkurzakten und Verschreibungen, ab 2031 für Bildgebung, Labordaten und Entlassberichte. Hersteller sollten daher bereits jetzt prüfen, in welchem Umfang ihre Produkte in den EHDS-Anwendungsbereich fallen, denn die Vorlaufzeiten für Architekturänderungen sind erfahrungsgemäß lang.

Interoperabilität als regulatorische Produktanforderung

In Krankenhäusern treffen typischerweise Geräte und Systeme verschiedener Hersteller mit unterschiedlichen Datenmodellen, Protokollen, Terminologien und Sicherheitsmechanismen aufeinander. Bislang wurden diese Insellösungen oft über proprietäre Konnektoren verbunden. Das ändert sich durch den EHDS: Interoperabilität wird von einer optionalen Produkteigenschaft zu einer regulatorisch relevanten Anforderung. EHR-Systeme dürfen autorisierten Zugriff, Datenaustausch oder Export nicht durch technische Einschränkungen behindern.

Ein zentraler technischer Baustein ist HL7 FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources), ein offener Standard für den strukturierten Austausch von Gesundheitsdaten, in Verbindung mit dem EEHRxF (European Electronic Health Record Exchange Format), dem gemeinsamen EU-Austauschformat für elektronische Gesundheitsdaten. Wichtig: FHIR allein ist keine Garantie für EHDS-Konformität. Maßgeblich sind die verbindlichen europäischen Spezifikationen, harmonisierten Normen und konkreten Durchführungsrechtsakte. APIs (Application Programming Interfaces, also standardisierte Schnittstellen für den Datenaustausch zwischen Systemen) müssen dauerhaft dokumentiert, getestet und versioniert betrieben werden.

Wer Interoperabilität verlässlich und nachweisbar umsetzt, senkt die Integrations- und Wechselkosten für Krankenhäuser. Das ist ein handfestes Differenzierungsmerkmal im Vertrieb.

In unserer Beratungspraxis sehen wir regelmäßig, dass Unternehmen diesen Schritt unterschätzen. Eine API, die zwar technisch Daten überträgt, aber keine zuverlässige Identitätsprüfung, Fehlerbehandlung und Nachvollziehbarkeit bietet, genügt einem modernen Governance-Verständnis nicht.

Datenqualität, Governance und Datenschutz

Interoperabilität setzt voraus, dass die Datenqualität stimmt. Ein Messwert ohne Einheit, Zeitstempel oder Patientenzuordnung ist auch dann klinisch unbrauchbar, wenn er als FHIR-Ressource übertragen wird. Hersteller müssen Datenflüsse daher vollständig dokumentieren. Wo entsteht ein Datum, wer darf es lesen, ändern oder exportieren und wie wird der Zugriff protokolliert?

Audit Trails, also lückenlose und manipulationssichere Aufzeichnungen aller Datenzugriffe und -änderungen, sind keine optionale Zusatzfunktion, sondern eine Kernanforderung. Der Datenschutz bleibt vollständig erhalten. Der EHDS ergänzt die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung, die EU-Verordnung zum Schutz personenbezogener Daten), ersetzt sie jedoch nicht. Gesundheitsdaten gehören zu den besonders geschützten Datenkategorien.

Die Sekundärnutzung eröffnet Potenzial für Forschung und Evidenzgenerierung, schafft aber auch strikte Governance-Pflichten. Hierzu zählen Zweckbindung, Pseudonymisierung (das Ersetzen direkter Personenmerkmale durch neutrale Kennzeichen, sodass Daten nicht ohne Zusatzwissen einer Person zugeordnet werden können), Zugangsgenehmigung und Nutzungsbedingungen.

In einer zunehmend vernetzten Welt wird "Security by Design" immer wichtiger. "Security by Design" steht für die Integration von Sicherheitsanforderungen in die Produktentwicklung. Das bedeutet, dass diese Anforderungen von Anfang an in die Entwicklung eines Produkts einbezogen werden und nicht erst nachträglich hinzugefügt werden. Verschlüsselung, Zugriffsmanagement und Schwachstellenmanagement müssen in die Produktarchitektur integriert sein.

Neue Rollen und Kompetenzanforderungen

Die folgenden Bezeichnungen sind keine gesetzlich vorgeschriebenen Jobtitel, sondern beschreiben Funktionsbereiche, die für EHDS-Umsetzungsprojekte typischerweise relevant werden:

  • Health Data Interoperability Manager
  • FHIR Implementation Lead
  • Clinical Data Architect
  • Data Governance Officer
  • Health Data Compliance Manager
  • Security Architect für vernetzte Medizinprodukte
  • Clinical Terminology Specialist

Gesucht werden keine reinen FHIR-Entwickler. Gefragt sind Personen, die technische Standards, regulatorische Anforderungen aus der Medizinprodukteverordnung der EU (MDR) und der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sowie klinische Prozesse gleichzeitig durchdringen. Besonders wertvoll sind hybride Profile: Dazu zählen Softwarearchitekten mit klinischer Datenexpertise, Regulatory-Affairs-Manager mit Interoperabilitätserfahrung sowie Clinical Informaticians mit praktischer API-Kompetenz.

Wir beobachten in unserer Branche, dass der Engpass nicht allein durch den Mangel an FHIR-Kenntnissen entsteht. Schwieriger ist die Suche nach Personen, die Healthcare-Prozesse, Interoperabilitätsstandards, Regulatorik und Stakeholder-Steuerung gleichzeitig beherrschen. Unternehmen sollten daher Schlüsselrollen früh definieren und intern Kompetenzen aufbauen, statt erst bei akutem Umsetzungsdruck zu rekrutieren. Für Bewerber gilt: Konkrete Projektnachweise sind überzeugender als Zertifikate allein.

Fazit

Der EHDS ist kein optionales Digitalisierungsprojekt, sondern ein verbindlicher Regulierungsrahmen mit klaren Fristen. Unternehmen sollten daher bereits jetzt die eigene Betroffenheit analysieren, die Produktarchitektur und die Datenflüsse bewerten sowie Governance- und Compliance-Strukturen aufbauen und sich nicht erst kurz vor 2029 darum kümmern.
Mit der schrittweisen Ausdehnung auf Bildgebung, Labordaten und Sekundärnutzung werden Datenqualität, Metadaten, Zugangsprozesse und sichere Analyseumgebungen weiter an Bedeutung gewinnen.

Für Bewerber gilt: Wer FHIR, klinische Datenmodelle, Regulatory Affairs und Datenschutz kombiniert und praktische Umsetzungserfahrung nachweisen kann, ist in diesem Markt gut positioniert.

FAQ

Wie unterscheidet sich der EHDS von bestehenden Interoperabilitätsinitiativen, beispielsweise von IHE, oder von nationalen Telematikinfrastrukturen?

  • Der EHDS ist kein einzelner technischer Standard, sondern ein verbindlicher europäischer Rechtsrahmen.
  • Die internationale Initiative IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) oder nationale Strukturen liefern technische Bausteine.
  • Der EHDS legt hingegen fest, welche Fähigkeiten auf EU-Ebene erreicht werden müssen und unter welchen Bedingungen Daten zugänglich sein sollen.
  • Die beiden Ebenen ergänzen sich, sind aber nicht gleichzusetzen.

Welcher Implementierungszeitrahmen ist für Hersteller realistisch?

  • Aus rechtlicher Sicht sind die Jahre 2029 und 2031 von zentraler Bedeutung.
  • Die belastbare Umsetzung sollte 2026 mit einer Bestandsaufnahme und der Ausarbeitung einer Zielarchitektur beginnen, damit Pilotprodukte und Tests in den Jahren 2027 und 2028 folgen können.
  • Hersteller mit proprietären Altarchitekturen benötigen mehr Vorlaufzeit.
  • Mithilfe einer Artikel- und Produkt-Matrix lässt sich die Anwendbarkeit einzelner EHDS-Pflichten strukturieren.

Gilt der EHDS auch für kleinere Unternehmen der Medizintechnikbranche?

  • In der Verordnung wird nicht pauschal nach Unternehmensgröße unterschieden.
  • Maßgeblich ist, ob ein Produkt in den Anwendungsbereich des EHDS fällt, insbesondere, ob es Interoperabilität mit EHR-Systemen beansprucht oder relevante Gesundheitsdaten erzeugt und verarbeitet.
  • Zunächst sollten kleinere Hersteller ihre Produktklassifizierung und ihre Interoperabilitätsansprüche prüfen, bevor sie den tatsächlichen Aufwand einschätzen.

Welche Kosten kommen auf mittelständische Hersteller zu?

  • Pauschale Zahlen lassen sich nicht seriös ableiten.
  • Die Kosten hängen von der Anzahl der Produkte, der bestehenden API-Fähigkeit, dem Datenvolumen, dem Terminologiebedarf, der Sicherheitsreife und dem Umfang der Kundenmigration ab.
  • Ein Szenariomodell ist sinnvoll: Der Aufwand ist gering bei strukturierten APIs und gutem Logging, aber hoch bei proprietären Altarchitekturen und mehreren Produktgenerationen.
  • Eine strukturierte Gap-Analyse liefert verlässlichere Zahlen als branchenweite Schätzungen.

Wie können Bewerber ihre EHDS-Relevanz im Profil sichtbar machen?

  • Zertifikate allein sind nicht sehr aussagekräftig.
  • Überzeugender sind konkrete Projektnachweise. Welche Datenkategorien wurden integriert? Welche Standards kamen zum Einsatz? Wie wurden Zugriff und Sicherheit gelöst?
  • Für Unternehmen sind Profile, die FHIR-Implementierung, klinische Terminologien und regulatorische Anforderungen in einem Projekt verbunden haben, deutlich greifbarer als rein theoretische Hintergründe.

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