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Fachkräftemangel in der Energiewirtschaft: Welche Profile wirklich knapp sind

Netzbau, Erneuerbare, OT-Security, Regulierung: Der Fachkräftemangel trifft die Teilmärkte der Energiewirtschaft sehr unterschiedlich. Eine Einordnung.

Die Energiewirtschaft gilt allgemein als Branche mit akutem Personalmangel. Diese Verallgemeinerung führt in der Praxis jedoch regelmäßig zu Fehlentscheidungen. Wenn Recruiting-Budgets, Gehaltsbänder und Prozesszeiten über alle Bereiche gleich verteilt werden, dann werden Ressourcen dort verschenkt, wo der Markt entspannt ist. Gleichzeitig wird der Aufwand unterschätzt, der in Bereichen anfällt, in denen es wirklich eng wird. Denn der Arbeitsmarkt der Energiewirtschaft ist kein einheitlicher Markt, sondern eine Ansammlung sehr unterschiedlicher Teilmärkte mit eigenen Dynamiken.

Wie groß die Spreizung inzwischen ist, zeigen zwei Entwicklungen desselben Jahres. Auf der einen Seite erreicht die Beschäftigung in den Energiewende-Branchen mit rund 436.000 Arbeitsplätzen einen neuen Höchststand. Getragen wird dieser Anstieg vor allem von der Windenergie mit etwa 131.000 Beschäftigten, der Photovoltaik mit rund 100.000 Beschäftigten und dem Wärmepumpensegment mit etwa 72.000 Beschäftigten. Auf der anderen Seite steht die deutsche Solarfertigung nach einer Insolvenzwelle weiter unter erheblichem Druck, da ein Großteil der Module importiert wird. Gleichzeitig findet sowohl Wachstum als auch Abbau statt, allerdings in unterschiedlichen Bereichen.

Für Unternehmen wie für Kandidaten lohnt sich deshalb der differenzierte Blick. Die folgenden vier Teilmärkte zeigen, wo die tatsächlichen Engpässe liegen.

1. Netze und Infrastruktur: der härteste Engpass

Mit Abstand am angespanntesten ist der Netzbereich. Die Ursache hierfür ist struktureller Natur: Der Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze erstreckt sich über Jahrzehnte, ist gesetzlich vorgegeben und kaum konjunkturabhängig. Allein für den Verteilnetzausbau rechnet die Bundesnetzagentur mit Investitionen von mehr als 42 Milliarden Euro bis 2032. Im April 2026 wurden zudem 45 weitere Übertragungsnetzvorhaben in den Bundesbedarfsplan aufgenommen.

Die Nachfrage konzentriert sich dabei weniger auf klassische Elektrotechnik-Generalisten als auf Schnittstellenprofile. Dazu gehören Projektleitung Netzbau, Genehmigungs- und Trassenmanagement, Bauüberwachung, Netzanschlussplanung sowie Asset- und Instandhaltungsmanagement. Der Engpass entsteht dabei typischerweise nicht beim Fachwissen selbst, sondern bei der Kombination aus technischer Tiefe, Koordinationsfähigkeit und Erfahrung mit regulatorischen Verfahren. Verschärfend wirkt die Altersstruktur: In Planung, Betrieb und technischer Projektleitung scheiden erfahrene Kräfte aus, ohne dass gleichwertiges Wissen nachrückt.

Auf der handwerklichen Ebene liegt der eigentliche Flaschenhals. In der Bauelektrik blieben zuletzt mehr als 18.300 Stellen unbesetzt, in der elektrischen Betriebstechnik rund 14.200.
Wer Führungspositionen in diesen Bereichen besetzt, konkurriert also nicht nur um Führungskräfte, sondern indirekt auch um deren Teams.

2. Erneuerbare Energien: gespalten zwischen Fertigung und Projektgeschäft

Kaum ein Teilmarkt wird so häufig falsch eingeschätzt wie der der erneuerbaren Energien. Die Fertigung von Komponenten steht seit Jahren unter internationalem Kostendruck, entsprechend zurückhaltend ist die Personalnachfrage in der Produktion und in der produktionsnahen Entwicklung. Das Projektgeschäft entwickelt sich hingegen gegenläufig.

Hier sind vor allem Profile in Flächensicherung und Projektentwicklung, im Genehmigungsmanagement mit belastbarer Erfahrung im Bundesimmissionsschutzrecht, in der technischen Betriebsführung sowie in der Projektfinanzierung knapp. Im Offshore-Bereich kommen Baumanagement- und Interface-Rollen hinzu, die international ausgeschrieben werden und entsprechend teuer sind.

Für Kandidaten ist das eine wichtige Unterscheidung: Ein Wechsel innerhalb der erneuerbaren Energien kann je nach Bereich deutlich mehr oder deutlich weniger Sicherheit bedeuten. Die Studienlage weist zudem darauf hin, wie stark dieser Teilmarkt auf politische Rahmenbedingungen reagiert. So brach der Wärmepumpenmarkt nach der Debatte um das Gebäudeenergiegesetz zunächst ein und erholte sich erst 2025 wieder mit knapp 300.000 neu installierten Anlagen. Erfahrene Bewerber bewerten Arbeitgeber in diesem Segment deshalb zunehmend nach Projektpipeline und Eigentümerstruktur und nicht nur nach Gehalt.

3. Digitalisierung, Leitsysteme und OT-Security: der am schnellsten wachsende Engpass

Versorger entwickeln sich zu technologiegetriebenen Unternehmen. Der Smart-Meter-Rollout, Redispatch-Prozesse, Energiemanagementsysteme, Netzleittechnik und die Anforderungen aus dem KRITIS-Umfeld erzeugen einen Bedarf an Profilen, die in der klassischen Versorgerlandschaft bisher kaum vorhanden waren.

Besonders knapp sind Fachkräfte an der Schnittstelle von IT und OT, beispielsweise Leitsystem-Spezialisten, OT-Security-Verantwortliche, Data Engineers mit Verständnis für den Messstellenbetrieb sowie Führungskräfte, die IT-Organisationen in regulierten Umgebungen aufbauen können. Der Wettbewerb findet hierbei nicht innerhalb der Branche, sondern mit Technologieunternehmen statt, die schneller entscheiden, flexibler vergüten und ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen. Versorger, die ihre Vergütungslogik und ihre Prozessgeschwindigkeit nicht anpassen, verlieren diesen Wettbewerb regelmäßig, unabhängig von der Attraktivität des Standorts.

4. Handel, Regulierung und Wärmeplanung: klein, spezialisiert, schwer ersetzbar

Der vierte Teilmarkt ist zahlenmäßig der kleinste und im Recruiting oft der anspruchsvollste. Zu den Bereichen mit sehr begrenzten Kandidatenpools zählen Portfolio- und Bilanzkreismanagement, Direktvermarktung, PPA-Strukturierung, Netzentgelt- und Regulierungsmanagement sowie kommunale Wärmeplanung. Wer diese Positionen besetzen möchte, arbeitet daher faktisch mit Namenslisten statt mit Stellenanzeigen.

Der Wasserstoffbereich verhält sich derzeit uneinheitlich. Zwar ist der Bedarf an Verfahrens- und Projektingenieuren vorhanden, jedoch führen verzögerte Investitionsentscheidungen dazu, dass erfahrene Kandidaten Wechsel sorgfältiger prüfen als noch vor zwei Jahren. Wer hier gewinnen will, muss Projektreife und Finanzierung transparent darstellen.

Fazit und Handlungsempfehlungen

Der Fachkräftemangel in der Energiewirtschaft ist real, aber ungleich verteilt. Am stärksten macht er sich dort bemerkbar, wo langfristige Infrastrukturprogramme auf eine schrumpfende Erfahrungsbasis treffen, beispielsweise im Netzbereich, bei der Digitalisierung der Versorger sowie in hochspezialisierten Markt- und Regulierungsfunktionen. Deutlich entspannter ist die Lage in produktionsnahen Bereichen, die unter internationalem Kostendruck stehen.

Für Unternehmen ergeben sich daraus drei Konsequenzen: Erstens sollte die Positionsliste nach Teilmärkten priorisiert werden, statt eine einheitliche Time-to-Hire zu unterstellen. Zweitens lohnt es sich, Anforderungsprofile auf tatsächlich unverzichtbare Kernkompetenzen zu reduzieren und Quereinstiege aus angrenzenden Branchen, etwa aus der Automobilzulieferung oder dem Anlagenbau, systematisch zu prüfen. Drittens ist die Prozessgeschwindigkeit entscheidend: In den engen Segmenten sind qualifizierte Kandidaten in der Regel nach wenigen Wochen vom Markt.

Für Fach- und Führungskräfte gilt umgekehrt: Ihre Verhandlungsposition hängt weniger von der Branche als vom gewählten Teilmarkt ab. Wer Kompetenzen aufbaut, die an der Schnittstelle von Technik, Regulierung und Digitalisierung liegen, verbessert seine Position, und das unabhängig von einzelnen Förderentscheidungen.

Häufige Fragen (FAQ)

  • Wie lange dauert es aktuell, eine Fach- oder Führungsposition in der Energiewirtschaft zu besetzen? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da die Dauer je nach Teilmarkt sehr unterschiedlich ist. In gut besetzten Segmenten sind wenige Wochen realistisch. Wenn Unternehmen ausschließlich auf Ausschreibungen setzen, sollten sie für Netz-, OT-Security- und Regulierungsfunktionen hingegen mehrere Monate einplanen.
  • Lohnt es sich, Quereinsteiger anzusprechen? In vielen Bereichen ja. Der Anteil der Stellenangebote, die ausdrücklich Quereinsteiger zulassen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Allerdings betrifft das vor allem Helfer- und Fachkräfteebene. Auf Spezialisten- und Expertenniveau ist einschlägige Erfahrung meist unverzichtbar.
  • Wie wirkt sich die Anwerbung internationaler Fachkräfte auf die Lücke aus? Sie entlasten vor allem die technischen Planungs- und Engineering-Funktionen. Voraussetzung dafür sind belastbare Onboarding-Strukturen, Sprachförderung und Klarheit bei Anerkennungsfragen, da ansonsten die Frühfluktuation steigt.
  • Ist die Energiewirtschaft ein krisensicherer Arbeitgeber? Die Versorgung selbst ist stabil und weitgehend konjunkturunabhängig. Projektgetriebene Segmente reagieren hingegen deutlich sensibler auf Förderpolitik und Investitionsentscheidungen.
  • Wie relevant ist der Standort noch? In Leitsystem-, IT- und Handelsfunktionen ist hybrides Arbeiten bereits weitestgehend Standard, sodass der Standort eine untergeordnete Rolle spielt. In den Bereichen Netzbau, Betriebsführung und Instandhaltung ist regionale Nähe hingegen nach wie vor ein entscheidendes Kriterium.
  • Was hält Leistungsträger im Unternehmen? Neben einer marktgerechten Vergütung sind es vor allem Perspektiven in der fachlichen Laufbahn, planbare Projektpipelines und die Verlässlichkeit bei zugesagten Entwicklungsschritten.

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