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Warum Energieunternehmen Fachkräfte an andere Branchen verlieren

Warum Energieunternehmen Fachkräfte an Automotive, Halbleiter und Anlagenbau verlieren und mit welchen Maßnahmen sie im Wettbewerb um Talente bestehen

Bildquelle: Adobe

Für die Energiewende werden mehr qualifizierte Fachkräfte benötigt als je zuvor. Gleichzeitig verlieren viele Energieunternehmen genau diese Gruppe an andere Branchen. Warum das so ist, ist kein Rätsel: Automotive, Halbleiterindustrie und Anlagenbau werben aktiv um dieselben Profile. Im Frühjahr 2025 entfiel mehr als ein Drittel aller fehlenden MINT-Fachkräfte (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) auf Energie- und Elektroberufe.

Das Problem ist somit kein allgemeiner Fachkräftemangel, sondern ein gezielter Wettbewerb um identische Qualifikationen. Für Unternehmen bedeutet das eine andere Ausgangslage als noch vor wenigen Jahren. Es reicht nicht mehr aus, offene Stellen auszuschreiben und auf Bewerbungen zu warten. Wer seine Zielprofile nicht aktiv gegen konkurrierende Branchen positioniert, verliert sie an Wettbewerber, die lauter und klarer kommunizieren. Doch was steckt dahinter und was können Energieunternehmen konkret tun?

Drei Branchen, ein Talentpool

Die Branchen Automotive, Halbleiter und Anlagenbau suchen exakt die Profile, die auch in der Energiewirtschaft dringend benötigt werden: Dazu gehören Leistungselektronik (das Teilgebiet der Elektrotechnik, das sich mit der Umwandlung und Steuerung elektrischer Energie befasst, beispielsweise in Wechselrichtern oder Ladestationen), Embedded Software (Software, die fest in technische Geräte integriert ist und deren Funktionen direkt steuert) sowie Automatisierungs- und Elektrotechnik.

In der Automobilindustrie sind Expertinnen und Experten für BMS (Battery Management System, ein intelligentes System zur Überwachung und zum Schutz von Batteriezellen), Inverter-Entwicklung und softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen gefragt. OEMs (Original Equipment Manufacturer, also Hersteller, die Produkte unter eigenem Markennamen fertigen) und Tier-1-Zulieferer (Direktlieferanten eines OEM, eine Stufe unter dem Endprodukthersteller) bieten schnelle Produktzyklen, klare Roadmaps und internationale Karrierepfade.

Die Halbleiterindustrie erlebt einen globalen Investitionsboom, der durch den CHIPS Act (das US-amerikanische Fördergesetz zur Stärkung der heimischen Chipfertigung, das in Europa durch ähnliche Programme ergänzt wird) und europäische Förderprogramme vorangetrieben wird. Power Semiconductors, also Leistungshalbleiter für Antriebe, Netze und Photovoltaik, gelten als strategisch kritische Technologie. Studien zeigen: In Kernberufen wie Mechatronik und Elektrotechnik konnten zwischen 2021 und 2023 rechnerisch bis zu 80 Prozent der offenen Stellen nicht mit passend qualifizierten Personen besetzt werden.

Im Anlagenbau sind Automatisierungstechnik, SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition, ein Softwaresystem zur Fernüberwachung technischer Anlagen) sowie SPS/PLC (Speicherprogrammierbare Steuerung bzw. Programmable Logic Controller, ein Industriecomputer zur Automatisierung von Maschinen) gefragt. Dies sind nahezu dieselben Qualifikationen wie in der Energiewirtschaft. Oft sind es gut finanzierte mittelständische Unternehmen mit internationalen Projekteinsätzen, die besonders attraktiv wirken.

Für Bewerber gilt: E-Mobilität, Chips und Industrie 4.0 werden öffentlich stark als Zukunftsfelder kommuniziert. Die Energiewende ist technologisch mindestens ebenso anspruchsvoll, wird aber deutlich seltener in dieser Sprache sichtbar gemacht.

Was Energieunternehmen im Wettbewerb um Talente schwächt

In unserer Beratungspraxis beobachten wir regelmäßig, dass Energieunternehmen nicht an Substanz, sondern an Sichtbarkeit verlieren. Dabei spielen vier Faktoren eine zentrale Rolle.

Wahrnehmungsproblem: Innovationsprojekte wie Smart Grids (intelligente Stromnetze, die Erzeugung, Speicherung und Verbrauch durch digitale Steuerung in Echtzeit koordinieren), Power-to-X (eine Technologie zur Umwandlung von überschüssigem Strom in andere Energieträger wie Wasserstoff) oder großskalige Batteriespeicher werden kaum als attraktive Tech-Arbeitsfelder kommuniziert. Nach außen dominieren Bilder von Regulierung und Infrastruktur. Das ist ein Kommunikationsproblem, kein Substanzproblem.

Organisationsstruktur: Große Versorger und Netzbetreiber arbeiten mit regulierten Erlösmodellen und langen Planungszyklen. Ingenieurinnen und Ingenieure aus agileren Umfeldern haben daher oft den Eindruck, dass die Entscheidungsautonomie begrenzt und die Umsetzungsgeschwindigkeit langsam ist.

Vergütung: Energieunternehmen bieten eine solide tarifliche Vergütung. Ohne systematisches Benchmarking gegenüber der Automobil- und Halbleiterindustrie wirken die Vergütungspakete für Spezialisten in den Bereichen Leistungselektronik, Embedded Software oder Systemarchitektur jedoch oft nicht wettbewerbsfähig. Bonus- und Aktienprogramme sind in anderen Branchen stärker verbreitet.

Fehlende Tech-Narrative: Die Automobilbranche hat die E-Mobilität, die Halbleiterindustrie hat die Versorgungssicherheit. Beide Themen sind medial präsent und emotional aufgeladen. Die Energiewirtschaft kommuniziert hingegen häufig abstrakt. Präzisere Storylines wären beispielsweise: Beim Ausbau erneuerbarer Energien wie Solar und Wind ist eine Netzstabilisierung essenziell. Ebenso wichtig ist die Echtzeitregelung in Smart Grids und die Lastprognosen, die durch KI unterstützt werden.

Aus Sicht der Bewerber entscheidet letztlich eine einfache Frage: Wo werden meine Fähigkeiten wirklich gebraucht?

Was Energieunternehmen konkret tun können

Es gibt Handlungsoptionen, und diese sind nicht von der Unternehmensgröße abhängig.

Employer Branding entlang konkreter Projekte: Es geht nicht um Aussagen wie „Wir gestalten die Energiewende”, sondern darum, welche Ingenieure an welchem Smart-Grid-Piloten gearbeitet und welches technische Problem sie gelöst haben. Es geht darum, die technologische Tiefe sichtbar zu machen, nicht abstrakte Ziele.

Vergütungs-Benchmarking für Engpassprofile: Ein systematischer Vergleich mit der Automobil- und Halbleiterindustrie für Leistungselektronik-, Embedded- und Automatisierungsprofile ist keine Luxuslösung, sondern eine Grundvoraussetzung. Das Gesamtpaket zählt: Weiterbildung, Projektverantwortung und internationale Aktivitäten sind entscheidend.

Klare Karrierepfade: technische Expertenlaufbahnen, Projektleitung und Systemarchitektur. Fach- und Führungskräfte müssen erkennen können, wie sich ihre Karriere entwickelt. Dauerhafte Seniorrollen ohne Perspektive sind ein stiller Abwanderungsgrund.

Agilere Strukturen: Innovation Labs, die Zusammenarbeit über Funktionsbereiche hinweg und die Übernahme von End-to-End-Verantwortung für definierte Tech-Vorhaben sind auch in regulierten Umfeldern möglich. Technische Entscheidungsautonomie ist ein wichtiger Bindungsfaktor.

Talent-Pipeline früh aufbauen: Durch Hochschulkooperationen, duale Studiengänge und die Einbindung von Studierenden in reale Transformationsprojekte kann die Abhängigkeit vom externen Markt reduziert werden, auf dem der Wettbewerb am intensivsten ist.

Für Bewerber sind diese Kriterien bei der Arbeitgeberwahl zunehmend Orientierungsmarken und werden auch offen im Bewerbungsgespräch angesprochen.

Der Wettbewerb um Talente wird sich nicht entspannen

In den nächsten Jahren wird der Abwerbedruck durch die Branchen Automotive, Halbleiter und Anlagenbau eher zunehmen. Es entstehen neue Halbleiterfabriken, die E-Mobilitätsstrategie wird beschleunigt und der Anlagenbau wird weiter digitalisiert. In industriell verdichteten Regionen wie Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen, in denen Halbleitercluster entstehen, ist der Wettbewerb um Elektrotechnik- und Softwareprofile bereits heute besonders intensiv.

Gleichzeitig wächst die Projektpipeline der Energiewirtschaft: Netzausbau, Wasserstoff-Infrastruktur, Sektorkopplung (die Verknüpfung von Strom, Wärme und Mobilität über gemeinsame Technologien) sowie Edge Computing (die Datenverarbeitung findet direkt an den Netzkomponenten statt, nicht zentral in der Cloud) in der Netzsteuerung schaffen ein breites Feld hochkomplexer Aufgaben. Wir beobachten in unseren Branchen, dass Unternehmen, die diese Projekte sichtbar machen und aktiv besetzen, ihre Attraktivität gegenüber konkurrierenden Industrien spürbar verbessern.

Der Spielraum ist vorhanden, schließt sich aber langsam. Wer jetzt in Sichtbarkeit, Vergütungsgerechtigkeit und klare Karrierepfade investiert, sichert sich einen Vorsprung im Wettbewerb um genau die Profile, die für den Erfolg der Energiewende entscheidend sind.

FAQ

Verlieren alle Energieunternehmen gleich viele Fachkräfte an andere Branchen?

  • Nein, Unternehmen mit sichtbaren Innovationsprogrammen, einer digitalen Ausrichtung und klaren Entwicklungspfaden können Fachkräfte deutlich besser halten.
  • Stadtwerke und regionale Versorger, die konkrete Transformationsprojekte, wie beispielsweise lokale Speicherlösungen oder Smart-City-Initiativen, aktiv kommunizieren, schneiden in der Regel besser ab als traditionell aufgestellte Akteure.

Können kleinere Energieunternehmen im Wettbewerb um Fachkräfte mithalten?

  • Ja, aber nicht in erster Linie über das Gehalt.
  • Wer sich auf spezifische Technologiefelder wie Netzautomatisierung, Sektorkopplung oder kommunale Speicher spezialisiert hat und dies auch klar kommuniziert, kann für bestimmte Profile attraktiver sein als ein großer Konzern.
  • Entscheidende Vorteile sind dabei die direkten Entscheidungswege und die transparenten Karrierepfade.

Betrifft die Talentabwanderung auch Führungskräfte?

  • Ja, insbesondere Führungsrollen im Bereich Transformation und Technik, etwa als Leiterin oder Leiter der Digitalisierung des Netzes oder der technischen Geschäftsführung im Bereich Energielösungen.
  • Solche Profile werden besonders stark von Branchen angezogen, die schnell wachsen und größere Gestaltungsräume bieten.
  • Entsprechend aufwendig ist die Besetzung dieser Positionen.

Welche Rolle spielen internationale Karrierechancen bei der Branchenwahl?

  • Eine relevante Rolle spielen global agierende Unternehmen aus den Bereichen Automotive und Halbleiter, die häufig Auslandsstandorte und internationale Projekte anbieten.
  • Energieunternehmen, die europa- oder weltweit tätig sind, etwa in Offshore-Windprojekten oder grenzüberschreitenden Netzvorhaben, können diesen Aspekt gezielt in ihrer Arbeitgeberkommunikation einsetzen.

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