Bildquelle: Adobe
Lange Zeit galt Freiburg als sympathische Universitätsstadt im Schatten der Industriemetropole Stuttgart. Dieses Bild hat sich jedoch verändert. Mit Black Forest Labs, das nach einer Finanzierungsrunde mit rund 3,25 Milliarden Dollar bewertet wird, hat eines der wertvollsten KI-Unternehmen Deutschlands seinen Sitz im Breisgau. Ein halbes Jahr später kündigte SAP an, Prior Labs zu übernehmen und über einen Zeitraum von vier Jahren mehr als eine Milliarde Euro zu investieren. Beide Unternehmen wurden erst 2024 gegründet.
Für die Unternehmen der Region ist das eine gute und zugleich anspruchsvolle Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass ein wachsendes Software-Ökosystem Talente, Kapital und Sichtbarkeit anzieht. Die schlechte Nachricht ist, dass zwei kapitalstarke Player den lokalen Arbeitsmarkt für Entwickler, Data Scientists und technische Führungskräfte spürbar verändern. Wer bisher mit Berlin, München und Zürich um Talente konkurrierte, muss sich nun zusätzlich direkt vor der Haustür behaupten.
Michael Löffler, Leiter des IHK-Fachbereichs Innovation und Digitalisierung, spricht bewusst von einem Software-Ökosystem und noch nicht von einem Cluster. In Freiburg entsteht Software vor allem als Wegbereiter in Anwendungsfeldern wie Messtechnik, Maschinenbau, Medizintechnik, Energie und Umwelt. Genau das ist für das Recruiting relevant. Gesucht werden nicht reine Coder, sondern Profile mit Domänenwissen. Beispielsweise ein Softwareentwickler, der sich mit IEC 62304 und regulierten Entwicklungsumgebungen auskennt. Ein ML Engineer, der versteht, wie klinische Daten strukturiert sind. Oder ein Monitoring-Spezialist, der Energiesysteme lesen kann.
Diese Doppelqualifikation stellt den eigentlichen Engpass dar. Sie lässt sich nicht über Stellenanzeigen abbilden, da die entsprechenden Personen in der Regel nicht aktiv auf Jobsuche sind.
Nikolai Sexauer von der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH beobachtet, dass Talente sich zunehmend bewusst für einen bestimmten Ort entscheiden, obwohl sie auch in San Francisco, Paris oder Zürich arbeiten könnten. Freiburg punktet mit Lebensqualität, kurzen Wegen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie einem konsistenten Image. Die Universität Freiburg, die Fraunhofer-Institute, die Hochschule Offenburg und die Dualen Hochschulen liefern kontinuierlich Know-how, Talente und Ausgründungen. Ein Beispiel ist Prior Labs, das direkt aus der Universität hervorgegangen ist.
Die Kehrseite benennen die Unternehmen selbst. So berichtet die Haufe Group, dass der Wettbewerb um Talente anspruchsvoll bleibt, da Digitalmetropolen wie Berlin, Hamburg und München im Tech-Bereich eine hohe Anziehungskraft entfalten. Hinzu kommen die Randlage im Südwesten sowie die angespannte Wohnsituation. Löffler nennt knappen und teuren Wohnraum ausdrücklich als Bremse bei der Fachkräftegewinnung, selbst wenn viele Tätigkeiten heute digital möglich sind.
Das bedeutet für Arbeitgeber: Der Standortvorteil wirkt nur, wenn er aktiv kommuniziert wird. Wer im Anschreiben an Kandidaten aus München oder Zürich nur über Technologie spricht, verschenkt das stärkste Argument.
Drei Verschiebungen sind aus Beratersicht besonders spürbar:
Die Gehaltsanker verschieben sich. Kapitalstarke „Unicorns” setzen Referenzwerte, an denen sich mittelständische Arbeitgeber messen lassen müssen. Wer nicht mithalten kann oder will, braucht ein belastbares Gegenangebot, das Verantwortung, Produktnähe, Arbeitsmodell und Perspektive umfasst.
Die Prozessgeschwindigkeit entscheidet. In hart umkämpften Profilen ist der Zeitraum zwischen Erstkontakt und Angebot oft wichtiger als dessen Höhe. Eine vierwöchige Feedbackschleife bedeutet in der Praxis eine Absage, auch wenn diese nicht ausgesprochen wird.
Reichweite schlägt Bewerbungseingang. Bei spezialisierten Profilen liegt der Anteil der aktiv Suchenden im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Wer wartet, sieht nur den Teil des Marktes, den alle anderen auch sehen.
Die Situation auf der anderen Seite des Tisches sieht oft anders aus, als viele Arbeitgeber annehmen. Erfahrene Fach- und Führungskräfte wechseln selten primär wegen des Gehalts. Sie fragen nach fachlicher Substanz, nach Entscheidungsspielraum und nach der Stabilität des Geschäftsmodells. Zudem wird die Vereinbarkeit mit einer Lebensplanung, die nicht mehr an eine Metropole gebunden ist, immer wichtiger.
Rückkehrer aus Städten wie Zürich, Basel oder München bringen genau die Kombination aus internationaler Erfahrung und Domänenwissen mit, die von regionalen Unternehmen gesucht wird. Sie sind jedoch schwer erreichbar, da sie nicht auf Jobportalen aktiv sind. Sie sind nur über persönliche Ansprache und Berater, die ihre Fachsprache sprechen, erreichbar.
Ein weiterer Punkt wird unterschätzt: Kandidaten bewerten den Bewerbungsprozess als eine Art Probe der Unternehmenskultur. Unstrukturierte Interviews, wechselnde Ansprechpartner und vage Rollenbeschreibungen können dazu führen, dass Kandidaten ihre Zusage zurückziehen.
Freiburg entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Software- und KI-Standort. Dies ist auf exzellente Forschung, einen anwendungsnahen Mittelstand und eine hohe Lebensqualität zurückzuführen. Während klassische Industriestandorte deutliche Einbrüche verzeichnen, sind die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt seit 2020 um rund 40 Prozent auf 265 Millionen Euro gestiegen. Diese Dynamik wird sich fortsetzen.
Für Arbeitgeber bedeutet das: Der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter wird nicht einfacher, dafür wird der Markt aber interessanter. Michael Löffler bringt es mit seiner Beobachtung auf den Punkt: Erfolge entstehen dort, wo sich exzellente Personen langfristig wohlfühlen. Recruiting ist somit weniger eine Frage der Reichweite als eine Frage der Passung. Und Passung entsteht durch Nähe zur Branche und zu den Menschen darin.
Konkrete Handlungsempfehlungen für die nächsten Monate sind: Vakanzen in den Bereichen Software, KI und Engineering frühzeitig planen, Anforderungsprofile realistisch schärfen und systematisch den Zugang zu passiv suchenden Kandidaten aufbauen.
Ja. Bei spezialisierten Profilen ist die inhaltliche Passung der Rolle meist wichtiger als die Bekanntheit des Arbeitgebers. Entscheidend ist eine fachlich fundierte Ansprache.
Je nach Profil und Marktlage sind sechs bis zwölf Wochen ein üblicher Zeitraum. Sehr enge Spezialprofile können länger dauern.
Transparenz verkürzt Prozesse und reduziert Fehlgespräche. Bei sehr individuellen Führungspositionen ist eine Bandbreite sinnvoller als ein fixer Wert.
Gegenangebote treten häufig auf. Wer seine Wechselmotive frühzeitig und gründlich analysiert hat, ist deutlich besser aufgestellt als jemand, der nur über Konditionen verhandelt.
Teilweise. Zwar erweitern hybride Modelle den Kandidatenkreis, sie können aber keine tragfähige Team- und Führungskultur vor Ort ersetzen.
Frühzeitig einen externen Marktüberblick einholen! So schafft man sich auch ohne akute Vakanz Klarheit über Verfügbarkeit und Konditionen.
Wenn Sie qualifizierte und motivierte Fach- und Führungskräfte in den Bereichen Software, KI, Entwicklung oder technische Leitungsfunktionen suchen, unterstützen wir Sie mit unserem spezialisierten Netzwerk. Seit über 15 Jahren besetzen die Personalberater von BESTMINDS mit viel Know-how und Engagement Vakanzen in den Branchen Medizintechnik, Gesundheitswesen, Life Sciences / Pharma, IT / Medien sowie Energie- und Versorgungswirtschaft. Von unserem Standort Freiburg aus kennen wir die Dynamik der Region aus eigener Anschauung und wissen, welche Profile hier verfügbar sind und wie man sie erreicht. Fair, loyal und diskret finden wir für Sie die passenden Kandidaten. Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch, damit wir Ihre Vakanzen zeitnah optimal besetzen können.