Führung und Personalmanagement -

Nachfolge im MedTech-Mittelstand: Übergabe planen

Jährlich planen rund 109.000 Mittelständler eine Nachfolge. Was MedTech-Inhaber bei der Übergabe beachten sollten und was Führungskräfte prüfen müssen

Bildquelle: Adobe

Die Gründergeneration der 1960er- und 1970er-Jahre scheidet allmählich aus. Davon ist auch der MedTech-Mittelstand betroffen, also inhaber- oder familiengeführte Unternehmen mittlerer Größe in der Medizintechnik. Laut KfW Research planen bis Ende 2029 jährlich rund 109.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolge. Gleichzeitig erwägen pro Jahr rund 114.000 Unternehmen die Stilllegung. Der DIHK verzeichnete im Jahr 2024 knapp 10.000 Beratungsgespräche mit übergabewilligen Unternehmen, was einem Anstieg von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Rund 5.620 Betriebe fanden dabei keinen passenden Nachfolger.

Im MedTech-Mittelstand ist die Ausgangslage besonders anspruchsvoll, da der Unternehmenswert nicht nur in Maschinen und Umsatz, sondern auch in Zulassungen, Qualitätsprozessen und persönlichen Kundenbeziehungen steckt. Nachfolge ist deshalb keine reine Familienangelegenheit mehr, sondern eine strategische Führungs- und Planungsaufgabe. Dies betrifft Inhaber ebenso wie Führungskräfte, die eine Nachfolgeposition in Betracht ziehen.

Was in MedTech auf dem Spiel steht

Wer ein MedTech-Unternehmen übergibt, gibt weit mehr als nur ein Geschäftsmodell weiter. Die MDR (Medizinprodukteverordnung der EU, Verordnung (EU) 2017/745) bleibt nach einem Führungswechsel rechtlich verbindlich. Sie regelt die Anforderungen an die Sicherheit, Zulassung und Marktüberwachung von Medizinprodukten. Das gilt ebenso für das QMS (Qualitätsmanagementsystem, ein dokumentiertes System zur Strukturierung von Prozessen, Verantwortlichkeiten und Qualitätssicherung).

Ungeplante Übergaben können dazu führen, dass regulatorische Zuständigkeiten unklar werden, CAPA-Maßnahmen (Corrective and Preventive Actions, also Maßnahmen zur Behebung und Vermeidung von Qualitätsabweichungen) nicht weitergeführt werden und Kunden sowie Behörden das Vertrauen verlieren. Die KfW weist zudem darauf hin, dass die Kaufpreisvorstellungen für Unternehmensübernahmen nominal um rund 34 Prozent gestiegen sind. Wer ohne Nachfolgestruktur in eine Transaktion geht, schwächt seine Verhandlungsposition.

Auch auf dem Arbeitsmarkt hat das Folgen: Qualifizierte Führungskräfte meiden Unternehmen mit unklaren Übergabeprozessen. Eine transparente Planung ist Grundvoraussetzung für eine verlässliche Karriereperspektive und somit auch für die Attraktivität einer Nachfolgeposition.

Welche Nachfolgeoptionen es gibt

Keine Option ist grundsätzlich überlegen. Kontext, Eigentümerziel und Verfügbarkeit geeigneter Personen entscheiden.

Interne Nachfolge: Eine bestehende Führungskraft übernimmt. Sie kennt Produkte, Kunden und Kultur, ist aber nicht automatisch für Eigentumsverantwortung geeignet.

Externe Nachfolge: Sie bringt Branchenerfahrung und neue Perspektive, erfordert jedoch ein strukturiertes Onboarding.

Familiäre Nachfolge: Sie schafft Kontinuität, aber Verwandtschaft ersetzt weder Führungskompetenz noch regulatorisches Training.

Verkauf an einen strategischen Käufer oder Finanzinvestor: Das ist eine bewusste unternehmerische Entscheidung, kein Scheitern. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer zahlt den höchsten Preis? Sondern: Welche Zukunft soll das Unternehmen haben?

MBO (Management Buyout, eine Übernahmeform, bei der das bestehende Managementteam das Unternehmen ganz oder teilweise kauft): Hier verbindet sich Kontinuität mit unternehmerischer Verantwortung. Die Finanzierung ist dabei häufig die größte Hürde.

Was gelungene Nachfolgeprozesse auszeichnet

Der frühzeitige Start ist der wichtigste Faktor. Ein Vorlauf von drei bis fünf Jahren ist zwar kein gesetzlicher Wert, aber ein sinnvoller Orientierungswert für MedTech-Unternehmen. Laut DIHK beginnen jedoch rund 38 Prozent der abgebenden Inhaber erst ein bis zwei Jahre vor dem Ausscheiden mit der Planung. Für Unternehmen mit regulatorischer Komplexität ist das häufig zu knapp, denn die Kandidatensuche, die QMS-Prüfung, die Bewertung und der Wissenstransfer laufen parallel.

In unserer Beratungspraxis sehen wir regelmäßig, dass die Kommunikation ein entscheidender und häufig unterschätzter Faktor ist. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen frühzeitig klare Antworten: Was bleibt, was ändert sich und wer entscheidet künftig? Ein Informationsvakuum wird von Gerüchten gefüllt und im angespannten Arbeitsmarkt riskiert man den Abgang von Schlüsselpersonen. Kliniken, Distributoren und Benannte Stellen (von nationalen Behörden akkreditierte Organisationen, die Medizinprodukte im Rahmen der MDR prüfen und zertifizieren) benötigen Signale zur operativen Kontinuität nach außen.

Ein strukturierter Wissenstransfer erfordert Verantwortliche, Zeit und überprüfbare Ergebnisse. Explizites Wissen, wie Verträge und technische Dokumentationen, ist übertragbar. Implizites Wissen, also Entscheidungslogik und persönliche Kontakte, muss durch gemeinsame Termine und eine gezielte Übergabe gesichert werden. Eine gemeinsame Übergangsphase von sechs bis zwölf Monaten kann dabei helfen, sofern Rollen und Entscheidungsrechte schriftlich fixiert sind.

Was Führungskräfte bei einer Nachfolge prüfen sollten

Eine Nachfolgeposition im MedTech-Mittelstand kann mehr Gestaltungsspielraum bieten als eine klassische Konzernrolle, mit echter unternehmerischer Verantwortung. Vier Prüfpunkte sind dabei entscheidend.

Stabilität und Transparenz: Warum findet die Nachfolge jetzt statt? Welche wirtschaftlichen oder regulatorischen Risiken sind offen? Wie konzentriert ist der Kundenstamm?

Übergangsstruktur: Wie lange bleibt die bisherige Führung, und in welcher Rolle? Formulierungen wie "steht beratend zur Seite" sind zu vage. Dauer, Entscheidungsrechte und Verfügbarkeit müssen schriftlich fixiert sein.

Handlungsspielraum: Wer darf was entscheiden? Wer verantwortet Budget, Personal, Regulatory Affairs (das Fachgebiet, das die Einhaltung behördlicher Anforderungen und Zulassungsprozesse im regulierten Umfeld verantwortet)? Ohne klar autorisierte Entscheidungsbefugnis ist die Rolle riskant.

Entwicklungsperspektive: Welche Märkte, Produkte und Strukturen sollen weiterentwickelt werden? Die attraktivste Nachfolgeposition verbindet eine stabile Ausgangsbasis, klare Übergabe und eine glaubwürdige Entwicklungsagenda.

Wir beobachten in unseren Branchen, dass Unternehmen, die diese Fragen proaktiv beantworten, deutlich mehr qualifizierte Kandidaten ansprechen. Für Inhaberinnen und Inhaber lohnt es sich daher, diese vier Punkte bereits vor der Ansprache potenzieller Nachfolger schriftlich aufzubereiten.

Fazit: Frühzeitig planen zahlt sich aus

Die Nachfolge im MedTech-Mittelstand ist nicht nur ein persönliches Ereignis der Eigentümer, sondern auch eine zeitkritische und strategische Herausforderung. Die Datenlage von KfW und DIHK zeigt: Der Wettbewerb um geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger verschärft sich. Wer frühzeitig plant, sichert den Unternehmenswert, die regulatorische Kontinuität und das Vertrauen der Belegschaft.

Für Führungskräfte ist eine Nachfolgeposition keine Übergangslösung, sondern eine unternehmerische Gestaltungsaufgabe, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Externe Unterstützung in steuerlichen, rechtlichen, M&A- und Regulatory-Affairs-Fragen ist dabei keine Kostenstelle, sondern eine Investition in Kontinuität.

FAQ

Wie lange sollte ein Nachfolgeprozess im MedTech-Mittelstand dauern?

  • Drei bis fünf Jahre Vorlauf sind ein sinnvoller Orientierungswert, jedoch kein gesetzlicher Standard.
  • Laut DIHK beginnen rund 38 Prozent der abgebenden Inhaberinnen und Inhaber erst ein bis zwei Jahre vorher mit der Planung.
  • Für MedTech-Unternehmen mit regulatorischer Komplexität ist das häufig zu wenig, da Kandidatensuche, Due Diligence (systematische Prüfung eines Unternehmens vor einer Transaktion hinsichtlich wirtschaftlicher, rechtlicher und regulatorischer Risiken), Wissenstransfer und QMS-Prüfung parallel laufen.

Woran erkennen Inhaber, ob interne Nachfolge realistisch ist?

  • Eine interne Führungskraft muss Gesamtverantwortung wollen und tragen können: fachlich, finanziell und regulatorisch. Fachliche Stärke allein reicht nicht.
  • Empfehlenswert ist ein strukturierter Entwicklungsplan über 12 bis 36 Monate, in dem die Person schrittweise Budgetverantwortung, Kundenkontakte und regulatorische Aufgaben übernimmt.
  • Erst dann zeigt sich, ob die Eignung für eine Eigentümer- oder Geschäftsführungsrolle tatsächlich vorhanden ist.

Was passiert mit dem Unternehmenswert ohne Nachfolgeplanung?

  • Fehlende Struktur verkleinert den Käuferkreis und kann zusätzliche Garantien oder Kaufpreiseinbehalte erforderlich machen.
  • Nicht jede Lücke senkt automatisch den Preis, aber sie erhöht das wahrgenommene Risiko.
  • Wer ohne belastbare Vorbereitung in Verhandlungen geht, gibt Spielraum ab.

Wie kommunizieren Inhaber eine bevorstehende Nachfolge gegenüber der Belegschaft?

  • Führungskräfte zuerst informieren, dann das Team.
  • Klare Botschaften formulieren: Was bleibt, was ändert sich, wer entscheidet künftig.
  • Ein Informationsvakuum füllen Gerüchte. Im angespannten Arbeitsmarkt riskiert man sonst den Abgang von Schlüsselpersonen, was im MedTech-Umfeld auch regulatorische und qualitätsbezogene Risiken erzeugen kann.

Kann eine Führungskraft ohne MedTech-Vorerfahrung eine Nachfolge erfolgreich gestalten?

  • Möglich, aber nicht ohne systematischen Kompetenzaufbau und ein starkes Fachteam in Regulatory Affairs und Qualität.
  • Besonders kritisch ist fehlende Branchenerfahrung bei Produkten mit hoher Risikoklasse oder offenen MDR-Themen.
  • Ein komplementäres Führungsteam kann fehlende Erfahrung kompensieren, wenn Rollen und Verantwortlichkeiten klar geregelt sind.

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